Am 13. Oktober 2016 las ich auf facebook:

Liebe „my Fable“ Freunde,
wie sagt man so schön: „Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist.
In diesem Sinne müssen wir euch leider mitteilen, dass wir my Fable zum Jahresende schließen werden – die Entscheidung haben wir nicht selbst getroffen – sie wurde uns von der Stadt München abgenommen… .“

Huch, was ist denn da passiert? Das „my Fable“, das Laden-Café, das ich so liebte für den guten Spirit, das tolle Angebot und den guten Kaffee, zu. Kurz nachgefragt, bestätigte mir Geschäftsführerin Petra Dahm: „Ja, wir schließen!“

Everything tells a story! – war das Motto von „my Fable”; ein Mix aus Laden, Café, Kultur, Workshop- und Eventlocation. Mit Gründerin Petra führte ich im Winter 2014 mein 2. Interview für die erste Interviewserie vom Specht. Die Unternehmerin, die im Hauptjob Geschäftsführerin von flame – einer Marketing-Beratungsagentur – ist, hatte das „my Fable“ am 28.09.2013 eröffnet. Das Laden-Café war als Side-Kick zu flame angedacht, das keinen unmittelbaren Gewinn abwerfen musste, sich aber trotzdem wirtschaftlich sinnvoll entwickeln sollte.

Sechs Monate nach der Schließung treffen Petra und ich uns zum Gespräch. Petra erläutert mir die Gründe der Schließung. Darüber hinaus sprachen wir auch über Stolpersteine, Learnings und Tipps für zukünftige Cafégründer. Und ob Petra noch mal ein Café eröffnen würde, diese Frage hat sie mir auch beantwortet.

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Der Blogpost ist sehr lang. Hier für die Schnellleser die Inhaltsübersicht: 
Warum hast du das „my Fable“ – Laden-Café geschlossen?
Wie bist du dann mit der Situation umgegangen?
Wie kam es jetzt zu dieser Aufforderung? Wieso hat es drei Jahre gedauert?
Wie geht es dir heute sechs Monate nach der Schließung?
Mit den Erfahrungswerten von heute, würdest du noch einmal ein Laden-Café aufmachen?
Welche Stolpersteine lagen auf eurem Weg zum florierenden Café?
Was sind deine Learnings aus den drei Jahren Cafézeit?
Welche Tipps gibst du zukünftigen Cafégründern mit auf den Weg?

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Café geschlossen: Bettina Sturm interviewt die Ex-Geschäftsführerin Petra Dahm von my Fable über Gründe, Stolpersteine, Learnings und Tipps für andere Gründer

Warum hast du das „my Fable“ – Laden-Café geschlossen?

Ausschlaggebend war schlussendlich, dass wir kurz vor unserem dritten Geburtstag ein Schreiben der Stadt München, genauer gesagt von der Lokalbaukommission, bekommen haben. Darin stand,

dass unsere Räumlichkeiten der Stellplatzverordnung unterliegen und wir dem entsprechend Parkplätze für unser Ladencafé ausweisen müssten.

Dieses Schreiben war für mich ein Schlag ins Gesicht. Ich bin in der Beratung tätig, bin also eher ein Mensch, der sich vorab über alles informiert und sich ein umfassendes Bild über eine Situation macht, bevor es in „Action“ geht. Zudem habe ich immer wieder – für verschiedene Projekte – mit der Stadt zusammengearbeitet. So dachte ich, dass ich mich mit der Verwaltungsstruktur eigentlich ganz gut auskenne. Zudem war es so, dass das Kreisverwaltungsreferat in München 2013 für Gewerbeanmeldungen (und Café ist Gewerbe) eine so genannte einheitliche Anlaufstelle eingerichtet hatte, die sich um alle weiteren Verwaltungsangelegenheiten kümmert. Das hatte man mir wenigstens so vermittelt.

Insofern war für mich klar, dass nachdem alle Abnahmen, wie z.B. Hygiene, Bauamt, vor Ort durchgeführt waren, mit dem Laden-Café alles in Ordnung war, wir jetzt loslegen können. Dass nach der Zeit nochmals etwas so Grundsätzliches daherkommt, damit hatte ich wirklich überhaupt nicht gerechnet.

Wie bist du dann mit der Situation umgegangen?

Wir sollten uns also tatsächlich die geforderten Stellplätze anschaffen. Also habe ich gesagt: „Okay, dann kaufen wir die Stellplätze – ich hätte das echt privat veranlasst.“ Das ging aber nicht, denn die Stellplätze werden offiziell an die Stadt München abgetreten. Das heißt, du zahlst einen Preis x pro Parkplatz an die Stadt München und erhältst nichts ausser einem Schrieb dafür, dass dein Laden/Café der Stellplatzverordnung entspricht. Die Bemessungshöhe richtet sich nach der jeweiligen Größe und Art des Lokals bzw. der Einrichtung und nach dem Stadtviertel. Bei uns ging es um eine mittlere fünfstellige Summe .

Ich habe daraufhin das Gespräch mit der Stadt gesucht und meine Situation geschildert. Ich habe gefragt, ob sie eigentlich eine Vorstellung davon haben, wie lange es für ein Ladencafé dauert, um einen solchen Betrag wieder zu erwirtschaften. Hatten sie natürlich nicht und ehrlich gesagt, war das für die Lokalbaukommission kein Thema – die schauen einfach ob die Verordnung eingehalten wird oder nicht.

Auch mit dem Sozialreferat und der Bezirksinspektion von Sendling-Westpark hatte ich nochmals das Gespräch gesucht. Immerhin haben wir hier im sozialen und kulturellen Entwicklungsgebiet Münchens eine kleine Oase geschaffen (und zwar ohne Fördergelder sondern alles privat erwirtschaftet). Nachdem auch hier keinerlei Interesse bekundet wurde, das Projekt „my Fable“ zu unterstützen, war der Punkt für mich gekommen, wo ich mich gefragt habe: „Warum mache ich das alles eigentlich? Ich habe einen privat bürgerlichen Einsatz für meine Geburtsstadt gezeigt mit Nachbarschaftsbelebung, interkulturellem Verständnis und habe versucht, hier etwas aufzubauen. Das ganze Team hat wahnsinnig viel Passion und Kraft hier hineingesteckt und unsere Kunden, die Nachbarn und Fans haben „my Fable“ auch wirklich geschätzt! Aber wenn das der Weisheit letzter Schluss ist, dass du an einer Verordnung scheiterst, obwohl es hier noch nicht einmal ein Problem mit Stellplätzen gab (es hatte sich faktisch nie jemand beschwert) war dann bei mir das Verständnis weg. Übrigens auch vor dem Hintergrund dass ich aufgrund eines Projektes mit der Stadt ja auch die Bestrebungen kenne, den Fahrradbetrieb zu fördern und die Innenstadt Autofrei zu gestalten… .

Schlussendlich haben wir uns zusammengesetzt und den Entschluss gefasst, dass wir unter diesen Umständen nicht mehr weitermachen wollen.

Wie kam es jetzt zu dieser Aufforderung? Wieso hat es drei Jahre gedauert?

Wir sind uns nicht ganz sicher, ob uns jemand bei der Stadt gemeldet hat oder ob es durch unsere eigene Anfrage für eine Freischankflächengenehmigung in Gang kam. Vermutlich war Letzteres der ausschlaggebende Punkt. Die Lokalbaukommission kam auch schon im ersten Schritt auf uns zu und sagte: „Außenplätze gibt es nicht!“ Obwohl (dank unseres breiten Gehsteigs) eigentlich alles rechtens gewesen wäre mit Fußgängerweg usw.
Fakt ist, dass uns andere Café- und Ladenbesitzer nach unserer Schließung zurückschrieben und erzählten, dass sie auch mit der Stellplatzverordnung konfrontiert wurden. Man hat also schon fast das Gefühl es war eine gute Gelegenheit, um der Stadt Geld in die Kassen zu spülen.

Fakt ist, dass uns andere Café- und Ladenbesitzer nach unserer Schließung zurückschrieben und erzählten, dass sie auch mit der Stellplatzverordnung konfrontiert wurden.

Wie geht es dir heute sechs Monate nach der Schließung?

Zuerst war ich traurig – muss ich ganz ehrlich sagen, weil mein Herz wirklich in diesem Projekt „my Fable“ gesteckt hat. Das Beratungsgeschäft läuft einfach ganz anders und ich hatte nach der langen Zeit Lust etwas sinnvoll zu entwickeln, das vielleicht mal ein zweites berufliches Standbein werden könnte. Und anders, als viele gedacht haben, haben wir nicht geschlossen weil es sich wirtschaftlich nicht rentiert hat – wir haben uns ja immer wieder neu interpretiert, Dinge ausprobiert und diese Agilität hat sich auch ausgezahlt: kurz vor unserem dritten Geburtstag haben wir sogar noch den berühmten Break-Even erreicht. Also daran lag es ganz sicher nicht. Ich möchte die drei „my Fable-Jahre“ auch wirklich nicht missen, denn sie waren wahrscheinlich mit die drei spannendsten Jahre meines Berufslebens.

Wir haben super interessante Leute kennengelernt. In Gesprächen, MeetUps und Kooperationen haben wir gemeinsam neue Ideen entwickelt, auf die ich mit Sicherheit so nicht gekommen wäre. Zum Beispiel ist da mein Interesse an Kryptowährungen entstanden, die Idee Lastenräder als letzte Meilenlösung für die Innenstadt-Belieferung zu nutzen und vieles mehr.

Ich möchte die drei „my Fable-Jahre“ auch wirklich nicht missen, denn sie waren wahrscheinlich mit die drei spannendsten Jahre meines Berufslebens.

Mit den Erfahrungswerten von heute, würdest du noch einmal ein Laden-Café aufmachen?

Was ich sicher weiß: Für mich persönlich kommt Gastronomie nie wieder in Frage! Das war für mich ein einmaliger Ausflug.

Es war für mich das tatsächlich Anstrengendste, was ich jemals gemacht habe. Nicht aufgrund der Tatsache, dass du ständig mit Kunden in Berührung kommst und wirklich Face zeigen musst, denn das muss ich sonst ja auch. Nein, wegen dem ganzen Drumherum: Planung, Kalkulation und Einkauf. Selbst wenn man das aus anderen Bereichen kennt – Gastro ist ANDERS. Mein Tipp deshalb für andere Cafégründer: Wenn du etwas im Bereich Gastro machen willst und selbst nicht aus diesem Bereich kommst, dann nimm dir unbedingt einen Partner dazu, der sich in dieser Branche auskennt. Auch in punkto Laden: Was ich echt unterschätzt habe ist, jeden Tag im Laden zu stehen. Das ist wirklich was anderes als im Büro zu sitzen oder unterwegs bei Kunden zu sein. Und das auch über die Brückentage, bis spät Abends (aufräumen und abrechnen muss man ja auch noch), am Wochenende also nix mit meinem Mann in die Berge fahren oder richtig Ferien machen – geht alles nicht in den ersten Jahren.

Was ich mir überlegen würde ist mit einem Partner, der aus dem Bereich Gastro/Einzelhandel kommt das Konzept nochmals aufzusetzen und vom Hintergrund aus mitzusteuern. Mit ein paar Anpassungen aber grundsätzlich wissen wir ja jetzt worauf es ankommt (also eigentlich wieder als Berater 😉

Was ich sicher weiß: Für mich persönlich kommt Gastronomie nie wieder in Frage!

Welche Stolpersteine lagen auf eurem Weg zum florierenden Café?

Der wichtigste Grundsatz, wenn du einen Laden oder ein Café aufmachst:

Sei darauf vorbereitet, dass alles ganz anders läuft, als du es dir in deinem Business-Plan vorgenommen hast.

Baugerüste überall – Kaum hatten wir „my Fable“ aufgemacht, hatten wir über zwei Jahre Baugerüste um uns rum. Gerade war das erste Gerüst weg, kam das nächste Gerüst. Um uns herum wurde nur gebaut (Luxussanierung). Das kannst du nie wissen, wie sich die Infrastruktur um dich herum entwickelt. Die Bauarbeiten/Gerüste waren insofern für uns geschäftsschädigend, da sich viele Kunden einfach nicht an uns „heran getraut“ haben – dazu der ganze Dreck und Lärm (was in einer Ruheoase wie einem Café natürlich nicht sehr förderlich ist). Auch im Sommer konnte man durch die Baustellen leider nicht draußen sitzen – es sei denn man hat Lust auf Staubprisen und Hintergrundgehämmer. Nicht zuletzt konnten wir z.T. gar kein Fenster mehr öffnen, da die gesamte Auslage eingestaubt war.

Richtige Mitarbeiter finden und vernünftig bezahlen – Ein extrem schwieriges Thema war für uns das Finden der richtigen Aushilfen/Mitarbeiter. Wir hatten Leute auf Basis geringfügiger Beschäftigung gesucht. Mehr war am Anfang einfach nicht drin. Es ist ganz schwer gewesen, da Leute zu finden, die diese gleiche Leidenschaft haben – für die Produkte, für Kaffee. Und ganz ehrlich, bei den meisten war: Einsatz und Motivation = zero! Vor allem für den Samstag haben wir niemanden gefunden, der sich alleinverantwortlich in den Laden stellen wollte. Daher haben wir dann nach zwei Jahren beschlossen samstags zu schließen, damit das Team auch mal wieder richtig Wochenende machen konnte.

Dazu kommt: Wenn du mit Aushilfen arbeitest, wie und wonach bezahlst du sie? Viele Ideen sind rein steuerrechtlich gar nicht möglich – wir haben uns immer wieder mit unserem Steuerberater abgestimmt und es ist wirklich schwer. Es gibt meiner Meinung nach eigentlich gar keine guten Modelle für die Gastronomie. Du bewegst dich immer zwischen Mindestlohn und ethisch korrekter Bezahlung, die wirtschaftlich oft einfach nicht drin ist. Unsere Lösung war: Jeden Tag war ein Mitarbeiter aus meinem flame-Team im Café. Gelegentlich kam dann eine Aushilfe als Unterstützung. Mein flame-Team ist ein super Team, die alle mitgezogen und sagten: „Komm, das probieren wir aus und schauen was daraus wird!“

Undankbarkeit und die Geiz ist geil-Mentalität – Diese Rumfeilscherei-Mentalität ging mir echt auf die Nerven. So etwas kam bei uns leider auch oft direkt aus der Nachbarschaft: Ich erinnere mich an einen durchaus gut verdienenden Beamten, der ständig vorbeikam und irgendwann lapidar meinte: „Das mit euren Rabattkärtchen das bringt mir doch gar nichts, wenn ich den einen Kaffee umsonst kriege. Ich gebe euch ja jedes Mal ein Trinkgeld (P.S. 10 Cent), das ergibt ja dann schon den Gratiskaffee. Daraufhin hat er kein Trinkgeld mehr gegeben…
Dann die Leute, die mit Laptop bei uns gearbeitet haben und fünf Stunden lang an einem Kaffee nuckeln. Die saßen hier einfach wegen des kostenlosen WLAN. Leider muss ich sagen, dass mich von den Gästen, die hier waren, eigentlich meine eigenen Landsleute am allermeisten enttäuscht haben. Sowohl in punkto Offenheit, Wertschätzung und Freundlichkeit. Die internationale Crowd, die wir uns in den Jahren aufgebaut haben, die war echt super. Die habe ich als sehr viel dankbarer, wertschätzender und spendabler empfunden.

Nullsummenspiel während der ersten drei Jahre – Ich frage mich ehrlich gesagt, wie Leute einen Laden oder ein Café betreiben und davon leben können. Nachdem ich ja vom betriebswirtschaftlichen Background komme, hat mich das immer interessiert. Insofern habe ich oft andere Cafégründer gefragt: „Du, wie steht denn ihr da? Wie kommt ihr mit den Kosten zurecht? Was sind eure Ziele für dieses Jahr?“ Da hast du die eine Gruppe, die sich total aufarbeitet und schuftet Tag und Nacht. Die sich Gedanken machen und weiterentwickeln und nicht ausruhen und vielleicht noch einen anderen Job machen müssen, um überhaupt irgendwie über die Runden zu kommen.
Und die andere Gruppe? Das sind dann halt echt Leute, die es nicht nötig haben – entweder weil sie selbst schon viel Geld verdient haben und sich sagen „Komm, ich mache ein Café auf. Da lerne ich coole Leute kennen – das macht Spaß!“ Oder – und das ist so meine Theorie – es sind diejenigen, die eine Beschäftigung brauchen – so wie früher die Boutique war (lacht).
Wichtig zu wissen ist, mit einem einzigen Laden/Cafe ist es unglaublich anstrengend wirtschaftlich erfolgreich zu sein und wenn überhaupt stellt sich das meiner Meinung nach erst nach Jahren ein.

Planungsunsicherheit – Was ich auch als sehr schwierig empfand, war die Planungsunsicherheit die du jeden Tag hast. Wir hatten das gleich an zwei Stellen. Zum einen im Tagesgeschäft. Wie viele Portionen gehen heute weg? Es war einfach keine sichere Planung und Kalkulation möglich. Immer wieder mussten wir Lebensmittel wegwerfen. (Kleiner Tipp: Foodsharing Organisationen rechtzeitig Bescheid geben; so kann sich wenigstens noch jemand anders über das Essen freuen). Das hat mich ehrlicherweise sehr gestresst. Irgendwann haben wir dann unser WECK-Glas-Angebot gestrichen und nur noch Kuchen angeboten.
Die zweite Herausforderung waren unsere Abendveranstaltungen. Wir haben sehr viele Events gehabt, z.B. Konzerte, Lesungen, Interkulturelle Programme, Wine-Tastings etc. – oft auch in Kooperation um die Bewerbung der Veranstaltungen zu pushen. Der Witz ist: das eine Mal kommen bis zu 50 Leute und das nächste Mal einfach nur 3. Warum? Keinen Schimmer!
Das ist ein wahnsinnig schwieriges Thema, über das wir uns auch mit vielen anderen kleineren Locations unterhalten haben, die Veranstaltungen anbieten: Aufgrund der Tatsache, dass du so einen Überschuss an Möglichkeiten in München hast, bist du einfach einer von vielen. Und es will sich heute auch keiner mehr kommitten (z.B. Vorverkauf wurde nicht wirklich angenommen), so dass du einfach nicht planen kannst. Da sind wir teilweise auf Kosten von über 100 Euro am Abend sitzen geblieben. Und das war für uns am Anfang schon viel Geld.

Was sind deine Learnings aus den drei Jahren Cafézeit?

Du musst echt Bock darauf haben, von früh bis spät zu arbeiten und jeden Tag Flagge zu zeigen.
Ich bin schon sehr lange als Berater selbständig und bin daher beruflich eigentlich ungebunden. Wenn du einen stationären Laden hast, dann bist du plötzlich wie festgetackert. Das hat mich selbst oft gestört und das gab auch ein bisschen Stress mit meinem Mann. der sagte: „Sorry, Petra, wir müssen „my Fable“ nicht machen! Was machen wir hier eigentlich an einem sonnigen Samstag Mittag wo alle anderen in den Bergen sind? Wieso fahren wir jetzt nicht auch an den See und machen hier zu?“
Fakt ist, wenn ich etwas anpacke, dann richtig – und ich wollte mir einfach auch beweisen, dass „my Fable“ funktioniert. Wollte, dass es fliegt. Damit ich weiß, was im Laden-Café abgeht, wollte ich auch möglichst viel selbst drinstehen (oft bin ich selbst auch an meine Grenzen gestoßen und wollte es mir nicht eingestehen). Für einige aus unserem Team war es ein gutes „Coaching“. Denen hat es einfach extrem gut getan hat, mal wirklich mit Menschen im Laden-Café konfrontiert zu sein. Für die anderen war es einfach mal ein Erlebnis. Ich denke mal, dass die drei Jahre schlussendlich für alle sehr lehrreich waren.

MeetUps abhalten – Menschen mit gleichen Interessen vernetzen sich
Liebe Cafégründer, macht MeetUps. Wir haben hier sehr viele gute Gruppen bei uns zu Gast gehabt – angefangen von Kryptowährungen hin zu Coding und auch Themenbereiche, die ich für flame in punkto Akquise nutzen konnte. Daraus sind extrem gute Kontakte entstanden und geblieben. Dazu hatten wir dank dieser Plattform zu mindestens 85 % internationale Gäste hier. Wir waren praktisch schon so etwas wie der Hotspot für die Expats in München. Das war super, weil Expats viel offener für ein kreatives und unkoventionelles Konzept wie unseres waren (kein „Wie ihr seid Laden und Café und Eventlocation und Co-Working-Space?“) und außerdem sind sie stark vernetzt (Stickwort: Mund-zu-Mund, bringen neue Leute mit).

Welche Tipps gibst du zukünftigen Cafégründern mit auf den Weg?

Kannst du das Café stemmen?
Wie bei jedem Start-Up (das nicht von Super-Investoren unterstützt wird) wirst du die ersten drei Jahre viel und ständig arbeiten müssen. Unter normalen Umständen wirst du keine Familie haben können, und keinen Tag Ruhe haben. Du wirst dich um die verschiedensten Dinge kümmern müssen, denn du machst alles selbst – vom Businessplan über den Einkauf, die Kalkulation über den Verkauf bis zum Marketing, IT, Rechtssachen etc. etc.

Überlege Dir also gut, ob das Unternehmen „Café“ nicht nur Herzenssache ist, sondern auch zu deinen beruflichen Voraussetzungen und Vorstellungen passt.

Ist Gastro wirklich dein Ding?
Wenn Du „draussen“ arbeitest, musst du eine vollkommen offene Persönlichkeit haben und auf andere Menschen zugehen können, immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und das wirklich immer, auch wenn du Migräne, Liebeskummer oder deine Tage hast. Immer das Lächeln auf den Lippen, immer höflich, auch wenn da gerade der letzte Vollpfosten reinmarschiert. Wenn du „behind the scenes“ arbeitest, musst du fit sein in vielen Themen: Registrierkasse, Lebensmittelhygiene, Einkauf, Kalkulation, Vermarktung, Ressourcenplanung etc. Ich habe im Nachhinein den Eindruck, Gastro ist wirklich ein Bereich, für den musst du sprichwörtlich „geboren“ sein.

Liebe Petra, ich danke dir ganz herzlich für deine Offenheit.

Bettina Sturm ist Beraterin, Buchautorin und Bloggerin. Sie zeigt besonders Quereinsteigern, wie sie ihren #Lebenstraum Café oder Restaurant eröffnen verwirklichen und ein Business schaffen, das sie dann auch finanziell trägt.
Sie lebt mit ihrer Familie in München und liebt third-wave Kaffee, Croissants und dunkle Schokolade. Und glücklicherweise denkt sie immer nur an gutes Essen.